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die AUSGABEN :
- Der Preis der Heimat
- Balkan-roulette
- Im Schatten des Verstande
- Liebe als Strafe
- Auf Halbem Wege zum Himmel
- Wenn es mich nicht mehr gibt
- Gute Nacht , Freunde!
- Alle Menschen sind brüder
- Träume haben keinen Preis
Balkan-Aquarell

 

 

Simona Mulazzani
Alessandro Ramberti
Valentina A. Mmaka

 

Simona Mulazzani
(RADIO ICARO-RIMINI, Italien,27.2.2003)
www.backstreets.it/

---Wie haben Sie die Kriegsjahre erlebt, als Mensch und als Schriftsteller?


Als Offizier der ehemaligen jugoslawischen Volksarmee, die ich etwas kurz vor Kriegsbeginn verließ, und auch als Anwalt, war ich in einer besonderen Position. Auf der einen Seite erfasste mich der Krieg als Zivilperson, als Kroate, und auf der anderen Seite hatte ich zahlreiche Freunde verschiedener Nationalitäten in dieser Armee, die zerfiel. Tagtäglich sah ich menschliche Tragödien, aber nicht im Fernsehen oder im Kino, sondern ich versuchte diesen Menschen, egal wer sie waren, zu helfen, obwohl man ihnen meistens nicht helfen konnte. Schreckliche Erfahrungen. Manchmal denke ich, dass diese Erfahrungen psychologisch schlimmer sind als Kriegserfahrungen. An der Front kennt man die Regeln, hinter der Front gibt es keine. Wie soll man eine Ehe retten, wenn der Partner einer anderen Nationalität angehört? Was passiert mit den Kindern? Soll man zusammen bleiben oder flüchten? Hier bleiben und zu überleben versuchen? Kämpfen oder nicht? Gegen wen und für wen? Entsetzliche Erfahrungen. Ich habe mehr Tränen während der zweiten Hälfte des Jahres 1991 gesehen als zehn durchschnittliche Menschen während des ganzen Lebens. Und jede dieser Tränen ist als Ausdruck der Machtlosigkeit der Menschen, die bis vor kurzem etwas und jemand waren, schwerer als alle Tränen des Friedens zusammen.

--Es sind ziemlich viele Jahre von den Ereignissen vergangen, die Sie beschreiben. Wie groß sind die Wunden der Menschen?


Über die Nachkriegszeit und die Kriegsfolgen habe ich ausführlich in meinem neuen Roman „LIEBE ALS STRAFE“ geschrieben. Die Größe des Menschen zeigt sich im Vergeben, sonst gibt es kein Zusammenleben, keine Toleranz und kein normales Leben. Einige Kriegswunden brauchen eine lange Zeit. Sie sind so tief, dass sie Generationen und Generationen nicht vergessen können. Übrigens sprechen darüber am besten die Ereignisse bei diesem letzten Krieg bei uns, bei dem viele böse Geister aus dem 2. Weltkrieg wachgerufen wurden. Deswegen muß jeder wohlwollende Mensch alles hergeben, um diese Wunden zu lindern und zu hoffen, dass diese Wunden irgendwann verheilen. Leider gibt es viele, die aus verschiedenen Motiven ein Interesse haben, dass diese Wunden immer weiter bluten und auf Kosten dieses Blutes leben. Diese Kriegshyänen warten nur auf eine neue Gelegenheit. Deswegen heilen diese Wunden noch schwerer und es ist fraglich, ob einige jemals heilen werden. Es ist jedoch nicht das Ziel sie zu vergessen, das kann man sowieso nicht, sondern verzeihen und weiter machen. Wenigstens irgendwie den Hass zu vermindern, so weit das möglich ist.

--Wie ist die Situation der Literatur auf dem Balkan? Welche Rolle können die Dichter in der aktuellen politischen Situation spielen?


Es wäre herrlich, wenn ich auf diese Frage etwas Positives antworten könnte. Etwas Positives. Leider kann man, kurz gesagt, auf dem Balkan nicht vom Schreiben leben, auch wenn man Nobelpreisträger wäre. Besonders wenn man für nationalistische Inspirationen nicht begnadet ist, wenn man eine Neigung zu Multikulturalität und Toleranz hat. Das größte Unglück der Völker am Balkan besteht darin, dass der Krieg und die niederschmetternde Nachkriegswirtschaft auch die sogenannte Mittelschicht zum Verschwinden gebracht hat, also die Schicht der Intellektuellen, die logischer Weise am meisten lesen. In den Ländern, wo jeder Preis eines Buches zu hoch ist, wo Professoren in Pension überlegen, wie sie das geringfügige monatliche Mitgliedsgeld für die städtischen Bibliotheken bezahlen (geschweige, dass sie Bücher kaufen können), kann man schwer vom Einfluss der Literatur auf die aktuellen Ereignisse sprechen. Hier wird die Öffentlichkeit von öffentlichen Medien geformt nach dem Maßstab der augenblicklichen Machthaber, wenn man überhaupt von einer Öffentlichkeit im westlichen Sinne sprechen kann. Eher von einer manipulierten Masse, die großteils begriffen hat was passiert ist, die aber in der Zwischenzeit verarmt, uninteressiert und apathisch ist; es ist allgemein bekannt, dass der schlimmste Zustand für jede Nation die Apathie ist. Auf der anderen Seite wiederum, wenn wir alle schweigen, habe ich überhaupt Angst auch nur daran zu denken, welche Ausmaße diese beängstigende Stille bekäme, die versuchte diese Länder zu beherrschen.

--Warum denken Sie, dass es wichtig ist, dass italienische Leser „Balkan-Roulette“ lesen?


Aus einem sehr einfachen aber für viele, die in die trügerische Sicherheit ihrer Umgebung eingelullt sind, schwer zu begreifenden Grund. Dichterisch gesagt ist nämlich das Balkan-Roulette nur ein Teil des Welt-Roulettes. Ein herausgerissenes Bild aus dem Weltmosaik, aus der gleichen Geschichte, die allen passierte, die auch heute, egal wie unwahrscheinlich das auch für einige klingen mag, jedem passieren kann. Die schlimmste Erkenntnis aus dem Krieg ist nämlich die Erkenntnis, dass es keine Garantie für einen dauerhaften Frieden in keiner Ecke dieses Planeten gibt, sondern dass wir uns alle täglich für diesen Frieden einsetzen müssen, damit die gleichen Sachen nicht wieder geschehen. Genauer gesagt, damit morgen nicht jemand um Gottes Willen in die Lage versetzt wird, ein italienisches, deutsches oder irgend ein anderes Roulette zu schreiben, in dem nur die Namen geändert und der Inhalt gleich bleiben wird. Leider ist das möglich. Überall gibt es Pyromanen, die in verschiedenen entlegenen Bierstuben auf ihren Augenblick warten. An uns liegt es, diese Möglichkeit zu verringern und zu hoffen, dass dies nicht zutrifft bzw. wiederholt wird. Wir leben schließlich in einer Welt, in der die Konflikte immer gewisser sind und die Zukunft immer ungewisser, so dass das auch einer der Gründe für dieses Schreiben ist.

--Im Kontext des Gesprächs und der augenblicklichen aktuellen Situation in der Welt drängt sich von selbst die Frage über den internationalen Terrorismus und seine Folgen auf.


Der internationale Terrorismus stellt zweifellos das Krebsgeschwür der heutigen Zivilisation dar. Auf der einen Seite trägt er zur allgemeinen Unsicherheit bei, die nach der Logik der Dinge die Lebensqualität verringert und auf der anderen Seite die Quelle neuer kriegerischer Auseinandersetzungen ist. Bismarck sagte, dass die Politik die Kunst des Möglichen sei. Natürlich ist es nötig alles zu unternehmen, um diesen Terrorismus zu verhindern, aber ebenfalls ist es notwendig alles zu unternehmen, und noch mehr als das, damit der Terrorismus nicht zu neuen Kriegen führt. Zwischen diesen zwei Extremen, die sich nur auf den ersten Blick ausschließen und in der Realität ergänzen, ist die Politik beheimatet. Und von ihrer Kunst hängt auch unsere Zukunft ab. Durch die Geschichte und auch heute gab es und gibt es große Völker, aber ungenügend große Politiker im positiven Sinne, jene mit einer Vision des Guten für sich und die anderen. Man kann nicht den anderen etwas Böses antun und erwarten, dass diese dir das mit Gutem erwidern.
Ich kann nur hoffen, dass man einen Modus findet den Terrorismus ohne neue Kriege zu bekämpfen, denn in diesen Kriegen verunglücken großenteils Unschuldige. Ein Opfer ist ein Opfer, gleichgültig wie edel die Idee war, warum jemand zum Opfer wurde. Das Opfer hinterläßt frustrierte Generationen, die morgen zu gleichen Mitteln greifen, weil sie nur diese kennen und anerkennen. Ich muß zugeben, dass ich nach meiner Erfahrung und Erkenntnissen Angst vor der Zukunft habe.

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Alessandro Ramberti, FARA EDITORE, Italien)
www.kaleidon.it

--Was bewegte Sie und was bewegt Sie noch zum Schreiben?


Am einfachsten wäre es zu sagen, dass es sich um die Liebe zum Schreiben handelt. Jedoch wie alles andere im Leben ist die Antwort viel komplexer. Ich habe nämlich vor ungefähr 20 Jahren den ersten Roman „AUF DEM HALBEN WEG ZUM HIMMEL“ geschreiben, dann ist das Leben in eine andere Richtung gegangen. Bei der Arbeit, vorerst als Offizier und danach als Rechtsanwalt, ging das Schreiben verloren bei diesen alltäglichen Verpflichtungen, von denen es immer irgendwie zu viele gibt und die der Mensch niemals selektioniert, sondern sich ihnen unterordnet, bis ihn ein größeres Lebenserdbeben dazu zwingt. In meinem Fall war es der Krieg, der in den 90-er in diesen Gebieten wütete und wesentlich mein und das Leben der anderen um mich kennzeichnete. Wie auch jeder andere Krieg, so hinterließ auch dieser zahlreiche unbeantwortete Fragen und noch zahlreichere Unsicherheiten und Zweifel, und ich mußte einfach etwas schreiben, aus mir alles herauslassen, was mich aus diesem Krieg verfolgte. So fing ich zu schreiben an.
Die Welt beherrschen nämlich Klischees, besonders wenn es um den Balkan und die hiesigen Völker und ihre Beziehungen geht. Die Menschen haben weder Zeit noch den Willen auf das Wesen der Probleme der anderen einzugehen, besonders wenn diese Probleme weit von ihrem Haus entfernt sind. Diese einfachen und schließlich ganz schädlichen und falschen Zugänge zu hiesigen Völkern und ihren Probleme sind größtenteils für die Ausmaße des Krieges zuständig (obwohl der größte Teil der Verantwortung immer bei den un mittelbaren Protagonisten liegt). Ich habe den Krieg mit den Angehörigen aller Balkanvölker erlebt und musste einfach sagen was ich sagte, auch diese andere, ansonsten aufmerksam versteckte Seite unserer Beziehungen zeigen und sagen, dass auch hier ein Mensch lebte und auch heute lebt, der diesen Krieg nicht wollte und somit nicht weniger weder Kroate noch Serbe oder ein anderer ist, sondern viel mehr. Es kommt einfach die Zeit, wenn der Mensch das sagen muss, was er zu sagen hat um Mensch zu bleiben.

--Haben Sie einen bestimmten Lesertyp im Sinne während Sie schreiben?

Nein. Ich glaube, dass in meinen Büchern (besonders in meinen Romanen) jeder einen Teil von sich und seiner Umgebung, auch dann wenn er nicht aus diesen Gebieten stammt, finden kann. Es handelt sich um universelle Fragen der Einstellung zum Krieg, zur Multikulturalität, zum Nationalismus, zur (In)toleranz – also Fragen, die augenblicklich viele auf diesem Planeten bedrücken. Der Balkan ist nur ein winziges Mosaik aus dieser globalen Geschichte. Ich weiß, dass ich sicherlich a priori für diejenigen unakzeptabel bin, die schon beim Erwähnen der Toleranz die übrig gebliebenen Waffen aus einigen der vorherigen Kriege suchen.
Nebenbei gesagt, ich bin immer erstaunt darüber, wenn ich mich an meine vorkriegerischen Überlegungen über den möglichen Krieg auf dem Balkan erinnere. Weder ich noch viele andere um mich herum konnten diese Möglichkeit nicht einmal hypothetisch akzeptieren. Und es ist passiert, auf einmal. Mit unglaublicher Leichtigkeit. Der Krieg ist einfach entflammt. Als ob er all die Jahre geglost hätte und nur darauf gewartet hätte, dass jemand diese Glut entfachte. Wir waren uns dieser Glut nicht bewußt. Deswegen habe ich all das geschrieben. Es gibt augenblicklich kein Land auf dieser Welt, das diese Glut nicht hätte. Es ist nur eine Frage, wie viel davon und ob sie überhaupt erkannt wird. Das ist die schrecklichste Erkenntnis, die ich aus diesem Krieg ziehe. Das Bewußtsein, dass es keinen garantierten Frieden nirgendwo auf der Welt gibt, wenn wir uns nicht täglich für ihn einsetzen. Und besonders auf dem Balkan, wo der Frieden nur eine Atempause bis zu einer neuen Runde ist. Und die Kämpfer gehen nicht aus dem Ring. Sie sind auch heute noch dort. Sie warten nur darauf, dass jemand auf den Gong schlägt.

--Wie würden Sie Ihren eigenen Stil definieren?

Ich schreibe über wirkliche Geschehnisse (und respektiere natürlich die „dichterische Freiheit“), so dass der Wortschatz, den ich benutze und die Art des Schreibens diese Wirklichkeit so ausmalen wie sie wirklich war (wie ich sie sah). Deswegen ist der Stil so wie er ist, irgendwie zwischen Naturalismus und Realismus. Ich hätte vielleicht mehr eine andere Sprache, zum Beispiel eine poetische benutzen können, aber ich denke, dass sie im Widerspruch mit der Welt der Realität, die ich beschreibe, wäre. Und gerade das wollte ich nicht. Irgendein steriles Werk schaffen, eines wovon vielleicht zwei Kritiker begeistert wären – und was ist mit den Lesern? Und für die hiesigen Zustände zeigt die ernorm große Lesebereitschaft meiner Werke in allen Ländern Ex-Jugoslawiens, dass ich den richtigen Zugang gewählt habe. Die Tatsache, dass in Banja Luka (in Republika Srpska in Bosnien und Herzegowina) als einziger mein Roman „DER PREIS DER HEIMAT“ (ursprünglicher Titel „Abschied am Balkan“- Anmerkung der Übersetzer) von allen Werken kroatischer Schriftsteller veröffentlicht wurde, sagt genug darüber aus.
Ansonsten überwiegt bei meinem Schreiben der Dialog mit Ironie und Groteske (auch in den Romanen), weil mir dieser Schreibstil am nächsten liegt.
Und wie soll man heute schreiben, wenn die heutige Jugend ihre Erkenntnisse über die großen literarischen Werke hauptsächlich aus den Videotheken schöpft, unter der Bedingung, dass man aus diesen Werken Filme gemacht hat.

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Valentina A. Mmaka („STILOS“, Italien, 19.3.2003)
www.valentinammaka.net

--Sie haben den Krieg in der ersten Person erlebt. Entstand Ihr literarisches Engagement aus dieser Erfahrung?


Jeder, der den Krieg erlebt, wird auf eine gewisse Weise lebenslänglich durch ihn gekennzeichnet, durch seine Schrecken, Grobheiten, Hoffnungslosigkeiten, Machtlosigkeit und Leiden. Natürlich hat auch dieser Krieg in mir eine tiefe Spur hinterlassen und hat mich auf eine Weise aus der friedlichen Lethargie herausgerissen; der Position des Betrachters von Nachrichten vor dem Fernseher, der sich jeden Abend ehrlich darüber wundert, wie sich die Menschen so leicht untereinander an einer entfernten Ecke des Planeten vernichten können. Dann passiert das auf einmal dir, unerwarteter Weise, und dann irrst du herum und fragst dich, ob das überhaupt möglich ist. Und schließlich begreifst du nach den Kriegsjahren, dass es möglich ist, und was noch niederschmetternder ist, dass das allen passieren kann. Irgendwo und irgendwann. Ich habe den ersten Roman vor ungefähr 20 Jahren geschrieben, dann habe ich aufgehört mit dem Schreiben. Das Leben hat mich einfach in eine andere Richtung geführt. Am Ende führte mich der Krieg zum geschriebenen Wort zurück. Ich konnte einfach das Verschweigen einiger Wahrheiten und einiger Menschen, die existierten und denen das passierte, nicht akzeptieren, egal wie viel solche Erscheinungen „offiziell“ ignoriert wurden. Während die kleinen und gewöhnlichen Menschen in Sarajewo oder in irgendeiner anderen vom Krieg betroffenen Stadt sich die ganzen Nächte den Kopf darüber zerbrachen, wie sie morgen Brot und Milch für ihre Kinder beschaffen sollten und dabei am Leben bleiben, plagten sich ihre großen Heeresführer und Politiker tage-, nächte- und monatelang damit, wie dieses oder jenes Teilchen des bis vor kurzem gemeinsamen Landes zu zerstückeln sei. In deren Namen natürlich. Sie haben jedoch vergessen die kleinen gewöhnlichen Menschen zu fragen, was sie denken. Ich schreibe darüber, was diese kleinen Menschen dachten und denken.

--Auf welche Weise beinflusst der Krieg unsere persönlichen Erinnerungen?


Der Krieg spiegelt sich auf verschiedene Weise wieder, abhängig davon, ob sie sich persönlich an der Front befinden, oder ob sich an der Front eine ihnen nahe Person aufhält, ob sie in unmittelbarer Nähe der Front sind oder nicht, ob sie zu denjenigen gehören, für die es gewiss ist, dass sie an die Front kommen oder nicht ...Zudem haben sie zahlreiche indirekte Kriegsfolgen, wie den Zerfall von Mischehen, verlassene Kinder und alle anderen möglichen Traumata. Ein Freund von mir, ein Psychiater, hat mir seinerzeit gesagt, dass jeder von uns dem Stress ausgeliefert sei, allein schon durch die Tatsache, dass man in einem Land lebt, das im Kriegszustand ist und dass man täglich den Nachrichten über den Krieg ausgeliefert sei, die gut oder schlecht, egal ob man gewinnt oder verliert, immer Opfer fordert. Vor dem Krieg sollten sich alle daran erinnern, dass auch für einen Sieg im Krieg genauso Menschen als Opfer fallen wie für eine Niederlage. Sie können sich einen fünfjährigen Zyklus (so lange dauerte dieser Krieg) von Kriegsstress und seinen Folgen vorstellen, wenn sie sich nur die Aufnahmen von verzweifelten Frauen amerikanischer Soldaten anschauen, die in diesen Tagen ihre Männer auf dem Weg ins Ungewisse begleiten. Und stellen sie sich dann solche fünf Jahre vor. Ich verstehe diese Frauen. Stellen sie sich vor, dass sie über diesen Krieg entscheiden ... Ob wir es wollen oder nicht, der Krieg setzt uns Denk- und Verhaltensmuster vor, neue Prioritäten, das Umstellen der Lebenswerte; das ganze Leben wird in eine Zwielichtzone geschoben, aus der sie nicht herauskommen (um jetzt nicht noch das Thema des posttraumatisches Stress, des sog. Vietnam-Syndroms, das heute schon als kroatisches, serbisches, bosnisches, morgen vielleicht als ein irakisches ... angenommen wird, anzugehen).

--Denken Sie, dass Literatur jemanden zum Denken zwingen kann, sogar wenn es sich um so ein schwerwiegendes Drama handelt, das es unmöglich zu bekämpfen scheint?


Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Genauer gesagt, ich weiß nicht, in welchem Maße sie das erreichen kann. Die Tatsache nämlich, dass ich Tausende von Leserbriefen von allen Seiten Ex-Jugoslawiens bekommen habe, die mich unterstützen, die mich auffordern, dass ich in meinem Schreiben fortfahre (was oft nicht leicht und noch weniger dankbar ist), weist darauf hin, dass es einen Einfluss gibt. Auf der anderen Seite jedoch mache ich mir keine Illusionen darüber, dass irgend ein literarisches oder ein anderes künstlerisches Werk wesentlich solche Überlegungen beeiflussen können (ich sagte vorhin, wir sind nur Sklaven und nicht die Herren des Krieges, wir entscheiden nicht, auch wenn er für uns nicht annehmbar ist). Auf der anderen Seite jedoch lohnt es sich das zu schreiben, auch wenn dieses Schreiben nur eine kleine Zahl von Menschen ernsthaft anregt über den Sinn des Krieges nachzudenken. Stellen sie sich vor, wenn wir alle schwiegen und es nur den Pyromanen überließen sich zu äußern. Wenn der Mensch schon an irgend etwas Unakzeptablem teilnehmen muß (und oft ist dies der Fall, unabhängig vom eigenen Willen), kann er wenigstens sein Unbehagen äußern – zeigen, dass wenn man daran teilnehmen muß, dass man dann nicht auf seine Menschlichkeit verzichtet hat.

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